Wolfsbrüder

"Du hast Angst," hört der Junge den Alten neben sich raunen, "das ist nur gut und richtig so." Der Junge zittert und nickt, zu sprechen vermag er nicht mehr. Zu laut das Rauschen in seinem Kopf. Neben ihm bebt der Wolfshund, winselt flehentlich, aufgeregt und begierig darauf, zu entkommen. Die Wälder sind dunkel und schweigend.

Wo triffst Du mich, kleiner Bruder?

Akash läuft über die Wiese zum Wald hinunter. Er sieht sich nicht einmal um. An einem Lederband baumelt die Holunderflöte um seinen schmalen Hals. Ein kleines, scharfes Messer trägt er im Stiefelschaft, ein schlankes Seil hat er um die Hüften gebunden. Dies und sein warmer Lodenmantel ist alles, was ihm helfen wird. Ziellos hastet er vorwärts, immer tiefer hinein in den Wald. Ihm ist übel, schwindelig von dem bitteren Trank des Großvaters. Er spürt die Geister in seiner Nähe, schweigend, abwartend. Noch sprechen sie nicht zu ihm, verwirren ihm jedoch die Sinne.

Akash stolpert durch das dichte Unterholz, längst hat er Richtung und Orientierung verloren..dieser Wald ist nicht länger der seine, nicht mehr der Wald seiner Kindertage, den er so gut zu kennen glaubte.

Der Junge schwitzt, kalter, übel riechender Schweiß überzieht seine Haut, um ihn dreht sich die tiefgrüne Dunkelheit des Waldes. Auf einer grasbewachsenen Lichtung stürzt er endlich zu Boden, zu heftig der Schwindel, der ihn erfasst. Er krallt die Finger in das Gras und hält sich fest am erdigen Duft. "Mutter,so erbarme Dich! Laß mich leben!" Nur dieser eine, endlos kreisende Gedanke erfüllt seinen Geist.

Lange liegt er dort auf der Lichtung im weichen Gras, und die Abendsonne schickt ihre barmherzigen Strahlen hinunter auf die schmale Gestalt des Kindes. Allmählich läßt das Zittern nach. Akash kann sich aufsetzen, er sieht sich um. Dieser Ort erscheint ihm gänzlich fremd, schimmernd in der untergehenden Sonne und seltsam unscharf. Die Erinnerung daran, wie er hierhergekommen ist, ist verblaßt, ein Traum ohne Konturen.

Akash hebt einen winzigen Stein auf, der neben ihm im Gras glitzert. "Kleiner Bruder, bitte hilf mir weiter", spricht er ihn an und birgt ihn in seiner schmutzigen Faust. Die Dämmerung kriecht heran, das Licht schwindet. Akash muss einen Schlafplatz finden, er kann nicht weitergehen, zu müde, zu erschöpft sind Geist und Körper. Mit schmerzenden Gliedern taumelt er den Waldrand entlang, er sucht eine breite Astgabel, hoch oben, wo er im Schutz der starken Arme eines Grünen Bruders Ruhe finden kann. Eine mächtige Eiche reckt ihre schwarzen Äste herausfordern in den Abendhimmel. Müde zieht sich Akash hinauf, lehnt seine Stirn aufatmend an die zerfurchte Rinde. Er schlingt sich das Seil um die Hüften und bindet sich fest an den dicken Ast. "Hab Dank für das Nachtlager, Freund."

Sein Geist dämmert hinüber in das ferne Traumland. Morgen wird er wieder wissen, was zu tun ist, morgen wird er sich erinnern, wie und vor allem warum er hierher gelangt ist...der Junge sinkt in den todesschweren Schlaf der Erschöpfung.

Mitten in der Nacht wird Akash von einem dumpfen Summen geweckt. Der Mond steht voll und prall am Himmel, übergießt den Wald mit üppigem, silbernen Licht. Akash schüttelt träge den Kopf, um den unangenehmen Ton daraus zu vertreiben. Statt dessen wird das Summen lauter, schwillt an, wird zu einem Dröhnen, das jede Faser in Akash Körper zum Beben bringt.

Und dann ist es mit einem Mal still. Atemlos still. Kein Hauch, kein leises Blätterrascheln, ganz und gar reglose Stille. Als Akash seine Kapuze zurückwirft, die ihm die Sicht auf die Lichtung verwehrt, stockt ihm der Atem.

Dort unten auf der Lichtung sitzt ein Wesen von unsäglicher Schönheit, schrecklich und todbringend und leuchtend wie ein Königsschwert aus den Alten Geschichten. Akash Verstand steht still, erstarrt, läßt ihn im Stich. Bewegungslos starrt er hinab auf das Wesen mit den golden schimmernden Schwingen, dem tödlichen Schnabel und dem peitschenden Löwenschweif.

Als der Greif seine Stimme erhebt, dröhnt es wie eine Bronzeglocke, schmerzhaft, wunderbar, alles andere auslöschend.
"Willkommen, Menschenkind. In einem Moment meiner Unachtsamkeit hast Du die Grenze überschritten. Nun bist Du hier, und nichts wird mehr sein wie zuvor. Komm herunter und zeige Dich dem Wächter."

Fieberhaft knotet Akash das Seil auseinander und klettert hinab. Sein Kehle ist ausgedörrt, aber seine Hände zittern nicht. Sein Geist ist scharf und klar wie die kalte Nachtluft.
Von Angesicht zu Angesicht ist der Greif noch furchterregender anzusehen, mit seinen hell leuchtenden Augen, mit vor unsäglicher Kraft zuckenden Muskeln unter dem goldenen Löwenfell. Doch der Blick aus diesen Augen ist ohne Zorn, ist alt und weise und unendlich traurig.

"Ruf Deine Seele in Deinen Körper zurück, der Tod ist nicht hier, Menschenkind....gut so. Du magst vergessen haben, wer Du bist, vergessen haben, wozu Du los zogst, doch all das spielt keine Rolle im Mondlicht des Alten Landes. Das Leben hat Dir einen Streich gespielt, du magst es Zufall, Bestimmung oder auch Schicksal nennen...es spielt keine Rolle. Doch von nun an wirst Du ein ewig Wandernder sein....alleine in Deiner Welt und doch nicht ohne einen Gefährten im Herzen."

Der Greif stößt ein durchdringendes, strahlendes Heulen aus, Akash presst die Hände auf die Ohren. Es raschelt im Unterholz, und aus der Tiefe des Waldes schreitet ein mächtiger Wolf auf die Lichtung. Sein Fell schimmert silbrig im Mondlicht, er ist riesenhaft, mit Pfoten größer als Akash Hände. Gelassen blickt er vom Greifen zum Kind.
"Es gibt nur einen Grund, mich zu rufen, Wächter," sagt er bedächtig, und seine Stimme ist voll und tief, wie das ferne Grollen eines herannahenden Sturmes.
"Ja, tatsächlich, nun ist es soweit, Grauer Wanderer. Dieses Kind ist Deinesgleichen."

Der Greif breitet seine Schwingen aus, und erhebt sich mit einem wilden Rauschen in die Lüfte. Akash fällt vor dem Wolf auf die Knie, er weiß, dieses Geschöpf ist seine einzige Verbindung zum Leben. Der Wolf umkreist den Jungen, knurrend, seine Augen blitzen.

Und dann ist er über dem Kind, sein Zähne an der Kehle des Jungen, mächtige Pfoten, die Akash niederdrücken ins feuchte Gras und ihm den Atem rauben.

Akash spürt, wie etwas ihn ihm aufbricht, er öffnet den Mund zu einem Schrei, doch statt dessen sieht er, wie eine kleine silberne Wolke seinen Körper verlässt, zögernd über ihm schwebt, verharrt, als würde sie auf etwas warten.

Und dann sieht er ein zweites Glitzern empor steigen, etwas heller, wirbelnd, und die beiden Wolken umkreisen sich, nähern sich... der Junge erschlafft, sein Atem steht still, und der Wolf knurrt leise, tief aus der Kehle, wie unter größter Anstrengung.

Da löst sich ein Fünckchen Licht, erst aus der einen Wolke, dann ein zweites aus der anderen, beide verharren einen Augenblick, bevor sie beide eintauchen in die jeweils andere schimmernde Wolke.
Akash holt krampfhaft Luft,endlos, wie es scheint, und endlich bricht der Schrei aus ihm heraus, während der Wolf ein markerschütterndes Heulen gen Himmel schickt und erschöpft neben dem Kind zusammenbricht. Die Welt steht still, für einen zarten, bewegungslosen Augenblick.

Sanftes Flötenspiel steigt aus der Erde empor, umhüllt die reglosen Gestalten auf der Lichtung. Langsam und lautlos sinken die schimmernden Gespinste herab, für einen Moment legen sie sich wie ein weicher Mantel um Wolf und Kind, bis sie aufgesogen zu werden scheinen.

Der Mond ist fort, Dunkelheit schwebt über die Lichtung, wo die beiden Gefährten nun still dem Leben entgegenträumen. Der Wolf erwacht zuerst. Geschmeidig erhebt er sich im ersten Licht der kühlen Morgendämmerung, berührt das Kind für einen Moment mit seiner Nase.

Bruder, wann werde ich Dich wiedertreffen?

Lautlos huscht er in den Wald, verschluckt von den dunklen Schatten der Tannen.
Die Lichtung verwandelt sich im Licht der ersten Sonnenstrahlen, wie eine Welle rauscht die Veränderung über sie hinweg, es summt, es dröhnt, Bäume verdorren, sterben und wachsen erneut, Felsbrocken versinken im Boden, tauchen an anderer Stelle wieder auf, alles ist für einen einzigen, langen Augenblick in Bewegung.

Mit einem Ruck kommt die Welt zum Stillstand. Der Junge erwacht im taufeuchten Gras, behutsam streicht die Morgensonne über seine Glieder. In seinem Herzen ist Frieden, in seinem Geist eine große Stille. Leer ist die Kammer, wo die Erinnerungen zuhause sind, leer bis auf den fernen Ruf einer vertrauten Stimme: Bruder....

Das Mädchen entdeckt den Jungen zuerst. "Großvater, da ist er, ich hab ihn gefunden, Akash, Akash!" Eilig humpelt der Alte dem Mädchen hinterher, zu seinem Enkelsohn, der dort zusammengerollt wie ein kleiner Fuchs am Fuße einer mächtigen Eiche liegt. "Akash, den Göttern sei gedankt, Du lebst!"
Er umarmt den Jungen fest und lange, Akash spürt seinen kräftigen Herzschlag an der Wange. Der Großvater schiebt den Jungen auf eine Armeslänge von sich.
"Ich fürchtete bereits, wir hätten dich verloren."
Er sieht dem Jungen forschend ins Gesicht, sieht in seine Augen und schlägt sich dann ehrfürchtig die Hand vor den Mund,"und ich sehe, auf die ein oder andere Weise haben wir das auch, mein Junge."

Es dauert einen ganzen Sommer, bis Akash wieder lernt, sich in seiner Welt zurechtzufinden. Die Geschichten seines Großvaters helfen ihm, die Leere hinter seinen Augen zu füllen, auch wenn die Erinnerung nicht wiederkommen will, und die unbeeirrte Fröhlichkeit seiner Schwester tut ein übriges.

Und doch spürt Akash, dass er ein anderer geworden ist, seit jener Zeit im Wald, gezeichnet, und mit einer Sehnsucht im Herzen, die manchmal schmerzt, vor allem in jenen Nächten, in denen der Mond prall und voll am Himmel steht, und sich sein Licht üppig und silbern über den schweigenden Wald ergießt.

Bruder, wispert die Stille dann, wo triffst Du mich?




Wo triffst Du mich,
Bruder?